Kornfeld

Der Vater meiner Mutter und seine Generation waren in den dreißiger Jahre im Stechschritt auf die Straße gegangen und vielleicht dachten sie dabei, sie marschierten in die Zukunft und dann kam der Krieg und es lief ja erstmal auch gar nicht so schlecht und vielleicht war ja was dran an der Überlegenheit der Deutschen? Aber auf einmal lief es dann nicht mehr so gut und plötzlich ging es aus Frankreich und Norwegen nach Russland und da lief es dann ziemlich mies. Am Ende saß man im Kessel von Stalingrad und wenn das die Zukunft war, dann hatte jemand bis zur Apokalypse vorgespult und auf einmal war alles vorbei. Jahre der Entbehrungen folgten und Monotonie in Kriegsgefangenschaft, um gebrochen und mit ergrauter Seele heimzukehren. Heim. Ins bunte Wirtschaftswunderland. Und bloß nicht reden, mit niemandem sprechen über die unvorstellbare Angst und den Schrecken der Schlachten. Darüber was Menschen mit Menschen tun. Wegschieben. Runterschlucken. Nicht verarbeiten! Es waren die Seid-nett-zueinander-Gehen-se-mit-der-Konjunktur-Wunder-von-Bern-Fünfziger. Wer wollte noch was von der Ostfront hören? Wem will man erzählen, dass man auf Menschen geschossen und getötet hat? Niemand wollte etwas davon hören und mein Großvater wollte nicht davon erzählen. Das dritte Reich war vorbei. Ein böser Traum, den man am Morgen abschüttelt.

Aber manche Träume wird man den ganzen Tag nicht los. Andere ein ganzes Leben lang nicht. Als meine Mutter ihn später fragte, wie es war im Krieg und was mein Großvater getan hatte in dieser Zeit, wollte er nicht darüber sprechen. Hakte man nach, sagte er: Er habe nicht auf Menschen geschossen und jetzt sei Schluss. Später fanden sie dann einen Orden aus Blech für die Zeit in Russland und ein Soldbuch in dem stand, dass er Scharfschütze gewesen ist.

Nach dem Krieg führte er ein Leben. So eines, wie es alle führten. Es gab einen Punkt, an dem dieses Leben begann, aber irgendwie nichts davor. Kurz bevor mein Großvater starb, besuchten ihn seine gefallenen Kameraden. Nachts, wenn alle anderen schliefen. Sie kamen, als der Krebs seinen Verstand angriff und es war als hätten sie lange auf ihn gewartet. Oft saßen sie in verschmutzten und lumpigen Felduniformen zu zweit oder zu dritt um und mit auf seinem Bett. Sie sprachen mit ihm, scherzten oder warfen ihm vor, dass er entkommen war. In einigen dieser Nächte nahmen sie ihn mit, zurück in den Krieg, zurück aufs Schlachtfeld, bis er von seinen eigenen Schreien erwachte. An einem solchen Morgen waren meine Mutter und mein Großvater allein in dem Krankenzimmer gewesen, dass auch sein Sterbezimmer werden sollte. Sie hatten ihm Opium gegeben um den Schmerz abzuschalten und es muss ihn redselig gemacht haben, denn er antwortete zum ersten Mal, auf die Frage meiner Mutter, ob er Menschen getötet habe im Krieg. Sein Blick ging an ihr vorbei, auf einen unbestimmten Punkt in der Ferne gerichtet, aber er blickte nicht ins Leere. Er blickte zurück durch die Zeit, als er fragte:

„Was machst du, wenn ein ganzes Kornfeld vor dir aufsteht?“

In meinem Kopf ist seitdem ein Bild. Ein Bild, wie ein Mann in meinem Alter ängstlich und fern von zuhause durch ein Weizenfeld irgendwo im Gebiet der Wolga stapft, eine Waffe im Anschlag und vielleicht ist es ein sonniger Tag und vielleicht singen Vögel und. Dann erheben sich zwischen den Ähren Leiber und die Mündungen von Maschinengewehren und in diesem Moment es ist völlig egal warum man dort ist und ob das richtig ist. Der Mann will nicht sterben.

“Was machst du, wenn ein ganzes Kornfeld vor dir aufsteht?“