Lena

Alles zum ersten Mal erleben, in der unschuldig-arroganten Gewissheit, die Welt an sich werde zum ersten Mal überhaupt entdeckt. Von dieser Generation. Immer von dieser Generation. Deshalb erscheint auch alles was geschieht so wichtig, so groß und existentiell. Fällt dann manchmal schwer die Relationen der Ereignisse abzuschätzen. Auch deshalb muß ich so oft an den letzten Abend denken, als ich mit Lena auf der Brücke über dem See saß. Klingt romantisch. War es für mich irgendwie auch. Nur war das keine zierliche Sommernachts-traum-Steinbrücke, die mit venezianischem Charme über einen Monet-Seerosenteich führt, sondern eine graue, 70 Meter hohe Betonbrücke, die einer Bundesstraße bei Überlingen über eine Schlucht oberhalb des Bodensees hilft. Man kann genau in der Mitte, hinter der Balustrade, auf einem tiefergelegenen Vorsprung sitzen, raus auf den See und hoch zu den Sternen schauen, darunter 70 Meter Beschleunigung bis zum Asphalt der unterliegenden Straße, während Autos als Lichteffekte im Rücken über die Brücke und durch die Nacht schwirren.

Meine Erinnerung an den Abend setzt immer in dem Moment ein, als sie sagt: „Ich wäre gern´ Irgendwann, Irgendwo.“, und ich hab noch vor Augen, wie sie den Kopf dann schräg auf ihre gekreuzten Arme und die angewinkelten Beine legt, verträumt schaut und wie ich mich noch gefragt habe, ob Frauen zuhause üben süß auszusehen. Aber ich frage sie nicht, ob das so ist, sondern was sie damit genau meint, mit diesem Irgendwann, Irgendwo. Sie sagt Irgendwann und Irgendwo seien das genaue Gegenteil von Jetzt und Hier. Ich war sechzehn und sie vierzehn, fast fünfzehn Jahre alt und schon das ist nicht immer leicht. Lena hatte eine wirklich schöne Kindheit gehabt, aber ihre Eltern hatten sich scheiden lassen. Jetzt lebt sie bei ihrem Vater, einem wohlhabendem Arzt mit neuer Freundin, die er aus dem Tennisverein kannte und die sie hasste. Offiziell war sie seit der Scheidung „unkonzenztriert und widerspenstig“, wie es der Schulpsychologe ausgedrückt hatte und insgesamt wünschte sie sich zurück in die Kindheit, um deren Verheißungen Lena sich durch die gegenwärtige Situation betrogen sah.

Wir sitzen also da oben, trinken ein 50/50-Gemisch von Rotwein und Cola, weil es noch keine Alcopops gibt, und wir reden über Gott und die Welt und sie sagt, daß sie den Buddhismus gut findet, weil der wenigstens klipp und klar sagt, daß alles Sein Leiden ist und, daß das einzige Ziel, daß ein Mensch haben sollte sei, aus dieser Seinsform zu entfliehen und das Ich aufzulösen. Sie redet überhaupt mehr als sonst, kotzt sich aus über die Schule und ihren Vater, seine Freundin, über Christian, den sie toll findet, der aber scheinbar entweder Schwul oder asexuell ist, weil er sie nicht beachte und zwischendurch steht sie auf, um sich ganz nah an die Kante zu stellen und in langen klebrigen Fäden herunter zu spucken, von oben herab, auf die Welt und die Autos, die unter der Brücke durchfahren. Ich höre die meiste Zeit eigentlich nur zu, kommentiere höchstens mal zustimmend oder ablehnend. Dann setzt sie sich wieder, lehnt sich fest mit dem Rücken gegen die Wand unter der Balustrade und schließt die Augen, als hinter uns ein Lastwagen mit Anhänger vorbeidonnert. Lena liebte es die Brücke vibrieren zu spüren und mit ihr zu schwingen.

Am nächsten Tag war ihr fünfzehnter Geburtstag. Abends waren eine Menge Leute bei ihr um zu feiern. Ich verließ die Party früh, nahm unauffällig meine Sachen und ging, mit einem Umweg über die Tankstelle, wo ich Bier kaufte, hoch zur Brücke. Dort betrank ich mich eine gute Stunde, starrte in die Sterne, bemitleidete mich selbst aus den verschiedensten Gründen und trampte dann irgendwann von der nächsten Auffahrt aus nach Hause.

Das nächste was ich von Lena hörte war, dass sie noch in derselben Nacht von der Brücke gesprungen war. Ermittelter Todeszeitpunkt: Eine halbe Stunde, nachdem ich zuhause angekommen war. Sie war kurz nach dem Ende der Party heimlich aus dem Haus geschlichen,  hoch zur Brücke gegangen und von unserer Plattform hinter der Balustrade gesprungen. Ein Pendler fand ihren zerschmetterten Körper morgens darauf, auf dem Gehsteig neben der kleinen Straße, die unter der Brücke hindurchführt. Es gab keinen Abschiedsbrief und keinen wirklichen Grund, wie die lokalen Zeitungen herausfanden. Es war ja auch nicht so, daß man sie misshandelt hätte, vor allem nicht körperlich – und seelisch nicht mehr als jeden anderen Pubertierenden. Sie war auch weiß Gott keine von diesen Wenn-du-schluß-machst-bring-ich-mich-um-Mädels, die das bei jeder Gelegenheit drohen. Und trotzdem hat sie es getan.

Zwei Jahre später ertappte ich mich noch mal dabei wie ich die Gravitationslehre im Physikunterricht anwandte, um auszurechnen, wie lange Lenas Fall wohl gedauert hatte, was nicht besonders schwer ist, weil es für die Berechnung der Zeit keine wirkliche Rolle spielt, was für ein Körper da fällt.. Es ist auf jeden Fall ganz schön lange, vor allem, wenn man die Augen schließt und im Geist mit herunterzählt. Lange genug, um mittendrin, auf halber Strecke noch zu denken: „Scheiße, ich will doch leben!“. Ich hoffe, Lena war sich wenigstens bis ganz Unten sicher.